{"id":122,"date":"2022-02-05T12:15:44","date_gmt":"2022-02-05T11:15:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=122"},"modified":"2022-02-05T12:15:44","modified_gmt":"2022-02-05T11:15:44","slug":"4-auf-intensiv-wirds-intensiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=122","title":{"rendered":"4. Auf Intensiv wirds intensiv&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Werte &#8211; insbesondere die Sauerstoffs\u00e4ttigung im Blut &#8211; sind schlecht und die Tendenz geht eher nach unten, als nach oben. Also werde ich auf Intensiv verlegt. Dort bekomme ich erst einmal einen Arterienkatheter verpasst. Was es nicht alles gibt. Mein linker Arm ist jetzt gut verkabelt: Venenzugang, Arterienzugang, lauter Schl\u00e4uche, die ich hoffentlich nicht aus Versehen bei einer Bewegung heraus rei\u00dfe. Bequem ist anders. Aber immerhin bekomme ich einige Zeit sp\u00e4ter, weil ich nachfrage, ob man da nicht irgendwas an der Bequemlichkeit machen kann, eine Polsterschiene. Damit l\u00e4sst sich das Schlauchgewirr am Arm deutlich besser lagern.<br>Aber das sind nicht die einzigen Schl\u00e4uche oder Kabel, die mich nun begleiten. Neben den Infusionen, die schon auf Station in steter Regelm\u00e4\u00dfigkeit in mich hinein getr\u00f6pfelt sind, gibts noch das EKG auf der Brust und den Infrarotsensor am Finger, der die Sauerstoffs\u00e4ttigung misst. Links Infusion und Arterienzugang, rechts Sauerstoffs\u00e4ttigung und dazwischen die Kabel vom EKG. Mit \u201cgem\u00fctlich auf die Seite drehen\u201d schaut es also ab jetzt eher schlecht aus. Da liege ich nun. Das erste Mal in meinem Leben sehe ich eine Intensivstation live von Innen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue ja gerne Arztserien, aber wenn man dann so selber live dabei ist, ist das irgendwie nur halb so spannend und schon gar nicht unterhaltsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt werde ich also 24 Stunden, rund um die Uhr \u00fcberwacht. Den Blutdruck misst man quasi min\u00fctlich am Arterienkatheter, das EKG zeichnet seine Linien auf den Monitor und &#8211; wer h\u00e4tte es gedacht &#8211; der Puls ist weiterhin hoch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich furchtbar. Der Brustkorb tut weh, und der Hals und der Bauch &#8211; eigentlich alles &#8211; besonders beim Husten, und danach. Wenn der Husten wenigstens produktiv w\u00e4re, aber noch immer ist er eher trocken. Wenn sich doch mal etwas l\u00f6st, bin ich fast froh, auch wenn es erst einmal h\u00f6llisch weh tut.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Was im Fernsehen auch keiner zeigt, in der Intensivstation aufs Klo gehen. Das hei\u00dft nun, dass, ich aus dem Bett aufstehen und den \u201cNachtstuhl\u201d benutzen muss. Auf dem sitze ich auch, wenn es Essen gibt. Allerdings ist dann nat\u00fcrlich die Sitzfl\u00e4che darauf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Physiotherapeutin kommt und vibriert meinen R\u00fccken mit einem Ger\u00e4t ab, das aussieht wie ein zu breit geratener Hobel. Das f\u00fchlt sich gut an und soll den Schleim in der Lunge lockern. W\u00e4re ja nicht schlecht. Auch ein paar Atem\u00fcbungen macht sie mit mir, aber viel schaffe ich da nicht. Es ist einfach alles anstrengend und ich f\u00fchle mich hundeelend.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Tages bekomme ich statt der Sauerstoffbrille eine Sauerstoffmaske. Das finde ich fast angenehmer. Denn mit der Brille war die Nase verdammt trocken und das ist irgendwann auch nicht mehr allzu angenehm. Unter der Maske ist es feuchter, weil sich ja beim Ausatmen die Feuchtigkeit der eigenen Atemluft ein wenig halten kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem soll ich eine Weile mit einer speziellen Maske atmen, bei der mit \u00dcberdruck gearbeitet wird. Es ist eine NIV, eine nichtinvasive Beatmung und soll das Atmen eigentlich leichter machen. Aber irgendwie finde ich das Ding furchtbar. Ich soll mal wenigstens eine halbe Stunde damit \u00fcben, wenn es geht.<br>Ich stehe die halbe Stunde durch, aber angenehm ist das nicht. Die Maske sitzt sehr fest und irgendwie habe ich da darunter eher Beklemmungen, als dass ich mich besser f\u00fchle.<br>Andere Patienten finden das Atmen mit dieser Maske wohl durchaus gut. Es soll ein wenig die Lunge trainieren und dabei aber auch entlasten. Durch das ausatmen gegen den leichten \u00dcberdruck bleibt mehr Sauerstoff tief in der Lunge, um hoffentlich ins Blut zu gelangen, weil man ja gegen den Druck ausatmen muss. Andererseits geht das Einatmen sehr leicht, weil die Luft ja mit leichtem Druck ankommt, was die Lunge wiederum entlastet. Eigentlich durchaus sinnvoll, wenn ich so dar\u00fcber nachdenke. Aber anf\u00fchlen tut es sich irgendwie f\u00fcr mich nicht gut. Ich bin ja echt offen f\u00fcr alles, was hilft, aber das Ding und ich werden ziemlich sicher keine Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei den Medikamenten gibt es etwas neues. Da mein Zustand wohl nicht nur mir nicht gef\u00e4llt, versuchen die \u00c4rzte eines der schon f\u00fcr andere Krankheiten zugelassenen Medikamente, die vielleicht bei Covid19 helfen k\u00f6nnten. In meinem Fall war es wohl ein HIV-Mittel. So ganz sicher bin ich mir da nicht. Was ich aber sicher wei\u00df, ist, dass es absolut grausig schmeckt. Der kleine Schluck Fl\u00fcssigkeit sah ja schon in dem Medikamenten &#8211; Becherchen giftig aus. Aber dass es \u00fcber eine halbe Stunde dauert, um den Geschmack wenigstens halbwegs wieder aus dem Mund zu bekommen &#8211; trotz Nachsp\u00fclen mit Wasser und Tee &#8211; BRRRRR, einfach ekelhaft! Aber Medizin soll ja nicht schmecken, sondern helfen. Allerdings hat sich in diesem Fall die Hoffnung leider nicht best\u00e4tigt. Mein Zustand ist weiterhin lausig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><br>Der erste Tag auf der Intensivstation neigt sich langsam dem Ende zu. Beim Abendessen stelle ich fest, dass das Essen keinen Geschmack mehr hat. Na toll! Nicht einmal dieses Vergn\u00fcgen bleibt mir. Das Essen hier ist zwar nicht gerade auf Sternek\u00fcchen-Niveau, aber f\u00fcr Gro\u00dfk\u00fcche und vor Ort wieder aufgew\u00e4rmt, kann man es mittags schon lassen und beim Abendessen gibts ja sowieso Wurst, K\u00e4se und Brot. Aber ohne Geschmack macht das Essen erst recht keinen Spa\u00df. Auch so habe ich jedoch nicht all zu viel Appetit.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag &#8211; oder war das schon der \u00fcbern\u00e4chste? So genau kann ich das gar nicht sagen. Irgendwie verschwimmt die Zeit ein wenig, wenn man so in den Tag hinein vegetiert. Recht viel mehr tue ich ja grade nicht. &#8211; werde ich von einer Schwester gewaschen. Mit desinfizierenden Einmalwaschhandschuhen werde ich mehr oder weniger komplett abgeschrubbelt. Das ist ganz sch\u00f6n anstrengend, obwohl ich gar nichts tun muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle ich mich ein klein wenig besser, denke ich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie jeden Tag schreibe und telefoniere ich mit Familie und Freunden. Meinem Mann erz\u00e4hle ich noch, dass ich mich ein klein wenig besser f\u00fchle und einige Stunden sp\u00e4ter kommt der gro\u00dfe Knall.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00c4rzte verk\u00fcnden mit ernster, sorgenvoller Mine, dass sie mich ins k\u00fcnstliche Koma versetzen m\u00f6chten, um mich k\u00fcnstlich beatmen zu k\u00f6nnen. Da muss ich schon erst einmal schlucken. Ich meine, ich f\u00fchle mich echt nicht gut, aber dass es so ernst ist, war mir eigentlich gar nicht bewusst. Mir ist schon klar, dass ich nicht zum Spa\u00df auf der Intensivstation liege, aber dass es SO schlimm ist\u2026.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt meint dann noch, dass es auch sein kann, dass ich in die Uniklink verlegt werde, weil sie nur dort die ECMOs haben, also die Ger\u00e4te, die das Blut au\u00dferhalb des K\u00f6rpers mit Sauerstoff anreichern. Aber das sei noch nicht sicher. Na bravo, das sind ja Aussichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rufe meinen Mann an und berichte von der Hiobsbotschaft. Ich, die ich mittlerweile deutlich an Sauerstoffmangel leide, es aber nicht wirklich merke, bin vergleichsweise gelassen. Aber meinem Mann stockt erstmal der Atem. Viel reden ist bei mir sowieso nicht drin. Dazu f\u00fchle ich mich schon die letzten Tage zu schwach. Ich bitte ihn, meine Eltern zu informieren. Die sollen schlie\u00dflich auch wissen, dass ich erstmal ausgeknockt bin. Auch meiner Chefin gebe ich Bescheid. \u201cDie wollen mich an die Beatmung nehmen und ins Koma versetzen. Bin dann also mal out of order\u201d, schreibe ich ihr per Whatsapp. W\u00e4hrend ihr beim Lesen der Nachricht das Blut in den Adern gefriert, ist meines vom Fieber noch immer gut erhitzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde samt Bett zum Vorbereiten f\u00fcrs Koma gefahren. Mit fast schon stoischer Ruhe lasse ich alles \u00fcber mich ergehen. Ich denke nicht einmal daran, dass das jetzt vielleicht das Ende sein k\u00f6nnte. Irgendwie ist der Kopf viel zu matschig, um so weit zu denken. \u201cDas muss jetzt halt sein, die wissen schon was sie tun\u201d, denke ich mir, \u201cwird schon wieder\u2026\u201d Fast f\u00fchle ich mich getragen, geborgen. Angst habe ich jedenfalls keine. Wird schon werden&#8230;<br><br>\u2026 dann schlafe ich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die \u00c4rzte meinem Mann immer wieder von meinem Zustand berichten, der anfangs sehr kritisch ist, schlafe ich mehr oder weniger den Schlaf der Gerechten. Erst hinterher erfahre ich, dass die \u00c4rzte mir ohne Beatmung wohl nur noch ein bis zwei Tage zu leben gegeben h\u00e4tten. Dementsprechend kritisch waren nat\u00fcrlich auch die ersten Tage im Koma. Es h\u00e4tte keiner mit Sicherheit sagen k\u00f6nnen, dass ich es schaffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann ist daheim. Allein mit der Katze, unter Quarant\u00e4ne, weil ich ja Corona-Positiv bin, w\u00e4hrend ich im Schlaf mit dem Tod um das Leben ringe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm f\u00e4llt die Decke auf den Kopf &#8211; ich schlafe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er, meine Familie, die Verwandtschaft, Nachbarn, die davon erfahren, Freunde, Kollegen, Bekannte, unglaublich viele Leute sind in dieser Zeit in Gedanken bei mir, bibbern mit meinem Mann und meinen Lieben und hoffen, dass es irgendwie gut ausgeht, dass ich wieder aufwache, dass alles wieder gut wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird gebetet, gehofft, gebangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus allen Richtungen werden Gebete, gute W\u00fcnsche, Hoffnung, positive Energien in meine Richtung geschickt. Das ist nicht nur ein kleiner Bach an positiver Energie, das ist ein gro\u00dfer Strom, der da in meine Richtung flie\u00dft. Gute Energie, die ich gerade jetzt sicher bestens gebrauchen kann &#8211; ich schlafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Zustand bessert sich, langsam, aber stetig. Ich reagiere auf \u00e4u\u00dfere Reize, w\u00e4hrend ich im D\u00e4mmerschlaf gehalten werde. Aus meiner Sicht kann ich nur sagen: Ich schlafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut den Schwestern nicht unbedingt ruhig und friedlich, aber offensichtlich tief genug, dass ich bewusst nichts von alledem mitbekomme.&nbsp;<br>\u201cAm Montag oder Dienstag probieren wir vielleicht mal, ob wir sie wecken k\u00f6nnen.\u201d<br>Das ist die hoffnungsfrohe Aussage, welche die \u00c4rzte meinem Mann am zehnten Tag meines Sch\u00f6nheitsschlafes, vor dem Wochenende mitteilen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Werte &#8211; insbesondere die Sauerstoffs\u00e4ttigung im Blut &#8211; sind schlecht und die Tendenz geht eher nach unten, als nach oben. Also werde ich auf Intensiv verlegt. Dort bekomme ich erst einmal einen Arterienkatheter verpasst. Was es nicht alles gibt. 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