{"id":126,"date":"2022-03-01T22:46:12","date_gmt":"2022-03-01T21:46:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=126"},"modified":"2022-03-02T12:19:09","modified_gmt":"2022-03-02T11:19:09","slug":"6-der-weg-nach-oben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=126","title":{"rendered":"6. Der Weg nach oben\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach einer Weile kommt wieder eine Schwester herein.. Sie m\u00f6chte, dass ich mich am Bettrand aufsetze. Man m\u00fcsse ja mal schauen, was mein Kreislauf so treibt. Die hat gut Reden. Ich habe nicht mal die Kraft, mich selbst im Bett umzudrehen. Aber sie und eine junge Kollegin helfen mir \u201cgnadenlos\u201d auf. Man ist das anstrengend. Irgendwann sitze ich am Bettrand und die Beine baumeln nach unten. Immer wieder erkundigt sich die \u00e4ltere der beiden Schwestern, wie es mir geht, ob alles in Ordnung ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin einfach nur ersch\u00f6pft. Aufsetzen, nach vorne an die Kante rutschen &#8211; alles ist wahnsinnig anstrengend und ich f\u00fchle mich so unendlich schwach. Nun sitze ich da, nach vorne gebeugt, wie ein nasser Sack, aber die Schwester lobt mich und freut sich, dass da ja sogar noch ein wenig K\u00f6rperspannung da sei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht alles sehr schnell. Im einen Augenblick geht es mir noch ganz gut und im n\u00e4chsten beschlie\u00dft mein Magen, dass jetzt doch ein guter Zeitpunkt w\u00e4re, um sich der Galle zu entledigen, die sich in den letzten elf Tagen so angesammelt hat. Ist gerade eh nutzlos, also raus damit. Schneller als ich schauen kann, bricht es aus mir heraus. Dann ist kurz Ruhe und ich schnaufe schwer, vor Anstrengung. Sitzen ist ja schon \u00fcbelst anstrengend\u2026 das macht die Aktion mit der unfreiwilligen Magenentlehrung nicht besser. Die j\u00fcngere der beiden Schwestern f\u00e4ngt an, die Sauerei auf dem Boden vor mir mit T\u00fcchern auf zu wischen. Wenn das mal kein Fehler ist\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Moment best\u00e4tigt mein Magen die Vermutung. Ein weiterer Schwall gelber Galle bricht aus mir heraus und trifft die Schwester quasi im Nacken. Sie tut mir in diesem Moment wirklich Leid, aber ich kann das echt nicht halten und als sie sich reflexartig umdreht, bekommt sie auch von vorne noch eine Breitseite. \u2018Armes M\u00e4del\u2019, denke ich mir, aber ich kanns leider nicht \u00e4ndern und verhindern konnte ich es auch nicht. Ich f\u00fchle mich nur noch elender und das nicht nur, weil das \u201cSich \u00fcbergeben\u201d ja generell diesen Effekt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihre Kollegin mit der Spuckt\u00fcte am Bett steht, bin ich fix und fertig. Mein Magen auch &#8211; Entleerung vorerst abgeschlossen. Jetzt brauche ich die T\u00fcte nicht mehr.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Kreislauf l\u00e4uft auf Hochtouren. Ich zittere vor Schw\u00e4che und habe das Gef\u00fchl, dass ich die Galle sogar im linken Ohr habe. So eine Sauerei. W\u00e4hrend die \u00e4ltere Schwester sich um mich und mein Bett k\u00fcmmert, mich abputzt und umzieht, Bettw\u00e4sche wechselt und dergleichen mehr, ist die j\u00fcngere wohl bereits auf dem Weg in Richtung Dusche. Ob das ihr erstes Mal war? Jung genug daf\u00fcr w\u00e4re sie, denke ich. Sowas passiert ja sicher auch nicht jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Hab ich sie \u201cgetauft\u201d? Ich sehe, wie jemand ein Foto von der v\u00f6llig voll eingesauten Schwester macht, das dann sp\u00e4ter an der Pinnwand unter der Kategorie \u201cMein erstes Mal\u201d seinen Ehrenplatz bekommt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Pflegedienst kommt es ja sicher immer mal wieder vor, dass man von derlei Fl\u00fcssigkeiten \u201cerwischt\u201d wird, aber ich glaube so kolossal wie gerade eben, passiert das nicht so oft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bilder sehe ich tats\u00e4chlich vor mir, v\u00f6llig real &#8211; sogar mindestens zweimal &#8211; auch wenn mein Verstand mir sp\u00e4ter sagt, dass ich das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gesehen haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Waschen, umziehen und Bett neu machen ist f\u00fcr mich die reinste Tortur. Es ist einfach elendig anstrengend. Als ich von der Schwester gewaschen werde ist mir kalt, denn das Wasser verdunstet ja auf meiner Haut. Da \u00e4ndert auch das Fieber so gar nichts daran, das noch immer mein Begleiter ist. Im Gegenteil, auf der hei\u00dfen Haut verdunstet das Wasser nur noch schneller.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ersch\u00f6pft liege ich in meinem frisch bezogenen Bett, in einem frischen OP-Hemdchen &#8211; diesmal ein wei\u00dfes. Ich bin so derma\u00dfen platt von dieser Anstrengung, dass ich einfach nur da liege und die Augen wieder schlie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Augen schlie\u00dfen ist auch ein spannendes Thema. Denn immer wenn ich das tue, springt das Bespa\u00dfungsprogramm an. Offensichtlich ist hier irgendein High-tech installiert, der Bilder in die fast geschlossenen Augen projiziert. Damit sollen die Gehirne der Schlafenden Koma-Patienten ein wenig bei Laune gehalten werden. Eigentlich gar nicht so bl\u00f6d.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm hat drei gro\u00dfe Teile, die mehr oder weniger immer wieder nacheinander ablaufen. Als erstes kommen Farbwirbel. Wie der Name schon sagt, drehen die sich, ich glaube es war im Uhrzeigersinn, und das nicht gerade langsam. Das ist echt doof, wenn man einschlafen will. Ich werde regelm\u00e4\u00dfig seekrank davon und bin wieder hellwach, hellwach, hundem\u00fcde und total KO.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann zoomt das Programm immer wieder in einzelne Farben hinein, immer sch\u00f6n quer durch den Regenbogen, wobei die Farbe Lila irgendwie h\u00e4ufiger auftaucht, als die anderen Farben, zumindest immer dann, wenn ich gucke.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Farbwirbeln kommt eine bunte Wolke aus Bildern. Auch die drehen sich, allerdings etwas langsamer. Man kann in die Bilder hinein zoomen und sich einzelne davon genauer betrachten. \u00dcberwiegend sind es sch\u00f6ne Landschaften, Feld, Wald, Flur, Steppe auch der Grand Canyon ist dabei, au\u00dferdem Indian Spirit Bilder mit einsamem Indianerm\u00e4dchen in der Landschaft, mal mit, mal ohne Wolf und dergleichen mehr. Teilweise sind Halloween-Gruselbilder dabei, die irgendwie nicht so richtig zu den Entspannenden Landschaften passen wollen &#8211; Totensch\u00e4del auf einer Treppe, mal mit und mal ohne K\u00fcrbisdeko, mal offensichtlich Plastikdeko, mal eher nicht. Auch einige Bilder von hungernden Kindern in Afrika, die im regennassen Dreck spielen, sind in der Bilderdatenbank. Wer die da wohl rein gepackt haben mag? Keine Ahnung!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaften sind aber wirklich sch\u00f6n und manchmal glaube ich, dass sogar leise Entspannungsmusik im Hintergrund l\u00e4uft, w\u00e4hrend ich eine der Landschaften n\u00e4her betrachte. Tolle Technik ist das, das muss ich schon sagen. Trotzdem w\u00e4re es sch\u00f6n, wenn man sie auch abschalten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Teil im Spa\u00dfprogramm ist eher f\u00fcr Kinder gedacht. Kleine Spielchen die man mit kleinen Bewegungen steuern kann und quasi im eigenen Auge sieht, was passiert. Echt klasse. Ich habe sogar beobachtet, dass ein Zimmerchen weiter ein Pfleger mit einem Kleinen Jungen spielt. Dieser hat wohl die Arme in Gips und kann sich kaum bewegen, soll aber durch die Spiele zumindest ein wenig aktiver werden. Das sehe ich durch die, teilweise mit Milchglas versehene, Scheibe, die unsere beiden Zimmer trennt. Dass mein Zimmer doch eigentlich gar keine Glasscheibe hat, f\u00e4llt mir in dem Moment gar nicht auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter gesellt sich eine Schwester zu dem Jungen, um mit ihm zu spielen und ich bekomme mit, dass sie sich in dem Spiel recht gut schl\u00e4gt.<br \/>Ich versuche mich von meinem \u201cInterface\u201d aus auch in das Spiel einzuklinken. Aber irgendwie schaffe ich es nicht, mich als Spieler einzuloggen. Ich kann jedes Mal, wenn ich es versuche, nur zuschauen. Aber immerhin. Auch das ist ja durchaus unterhaltsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch schleichen sich sogar mal zwei Jungs zu mir herein, um bei mir zu spielen. Die Technik ist wohl nicht \u00fcberall verbaut. Ein Pfleger bugsiert die beiden aber wieder nach drau\u00dfen. Sie sollen mich nicht st\u00f6ren, weil ich Ruhe brauche. Dabei fand ich die Gesellschaft eigentlich ganz nett. Irgendwann gehe\/schwebe ich eine Etage h\u00f6her, wo die Kinderintensivstation ist und besuche die Kinder dort. Irgendwie hat das ganze da oben ein wenig den Charme eines Schlafsaals im Internat, wie man es aus B\u00fcchern wie Hanni und Nanni oder Dolly kennt. W\u00e4hrend ich diese Dinge sehe und erlebe, ist das f\u00fcr mich alles v\u00f6llig real.<br \/><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ersch\u00f6pft und will schlafen, was die Farbwirbel und die Tatsache, dass ich davon seekrank werde, immer wieder erfolgreich verhindern. Wenn man dieses Spa\u00dfprogramm nur irgendwie ausschalten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re Stimmen in einem Raum \u00fcber mir. Eine Art Beobachtungs Lounge, von der aus man wohl einen Blick auf die einzelnen Bereiche der Intensivstation hat. Dort werden gerade junge Pflegekr\u00e4fte ausgebildet und bekommen einen Vortrag dar\u00fcber, wie sie in verschiedenen Situationen reagieren sollen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Als kr\u00f6nender Abschluss wird die Station unter den Jungen Pflegekr\u00e4ften aufgeteilt. Jeder hat seine Zust\u00e4ndigkeitsbereiche. Einige haben echte Patienten zu versorgen, bei anderen liegen Dummys, die einen speziellen Notfall simulieren sollen. Hier muss der Dummy reanimiert werden, dort muss der Dummy-Patient nur eine neue Infusion bekommen. Keiner der Pflegesch\u00fcler wei\u00df, was ihn oder sie treffen wird. Ich schaue dabei zu, wie die Patienten \u201cverteilt\u201d werden, beinahe so, als w\u00fcrde ich daneben stehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinterher wird besprochen, wie alles gelaufen ist. Anscheinend geht es auf die Pr\u00fcfung zu. Als Abschlusspr\u00fcfung werden sogar gro\u00dfe Gesch\u00fctze aufgefahren. Es wird ein richtiges Szenario geschaffen. Im Wald wurde mit einer Kettens\u00e4ge ein Baumf\u00e4ller verletzt und sein Kollege f\u00e4hrt ihn mit dem Motorrad in die Notaufnahme. Hier m\u00fcssen die Pflegesch\u00fcler, die da gerade vor Ort sind ihren Mann bzw ihre Frau stehen, denn von den \u201calten\u201d Pflegekr\u00e4ften sind gerade jetzt rein \u201czuf\u00e4llig\u201d alle irgendwie unterwegs, in der Pause oder anderweitig gebunden. Das ganze ist wohl die Abschlusspr\u00fcfung. Hinterher h\u00f6re ich, wie sich zwei der Pflegekr\u00e4fte dar\u00fcber unterhalten, was man sich daf\u00fcr hat einfallen lassen und wie gut sich die Sch\u00fcler doch geschlagen h\u00e4tten. Dass ich ja in der Intensivstation und nicht in der Notaufnahme liege und dass der Eingang, zu dem die Notf\u00e4lle so herein kamen \u00fcberhaupt nicht existiert &#8211; was ich sp\u00e4ter dann beim ersten Rundgang mit dem Rollator in der Intensivstation selbst auch festgestellt habe &#8211; verwundert mich in diesem Moment nicht all zu sehr. Vielleicht habe ich in der Vergangenheit auch einfach zu viel \u201cGrey\u2019s Anatomy\u201d geschaut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch, dass die Schwester, die mich grade betreut, felsenfest behauptet, dass sie hier derzeit gar keine Pflegesch\u00fcler betreuen, verwundert mich nur ein wenig. Aber irgendwie denke ich auch nicht weiter dar\u00fcber nach. Au\u00dferdem will ich ja sowieso lieber schlafen. Aber meine Bitte, das Bespa\u00dfungsprogramm doch abzuschalten, weil ich davon seekrank werde, wird ignoriert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bekomme mit, dass auf dem Gang ein asiatisches Ehepaar auftaucht. Sie sind wohl mit dem Taxi gekommen, aber was genau mit ihnen los ist, wei\u00df keiner und deutsch verstehen sie auch nicht. Es dauert eine Weile bis sich kl\u00e4rt, warum sie hier sind und wo sie eigentlich hin sollen. Aber wie die Geschichte wirklich ausgeht, bekomme ich nicht so recht mit. Irgendwas mit einem Asia Restaurant, aber da bin ich wohl eingeschlafen. Allerdings war der Blickwinkel, aus dem ich das alles teils auch beobachtet habe ein wenig ungew\u00f6hnlich. Denn die beiden sind einfach zum Eingang durch die Glast\u00fcr herein gekommen und an der T\u00fcr gestanden\u2026. an der Rampe, an der normalerweise die Krankenwagen ihre Patienten in die Notaufnahme bringen. Die sehe ich von meinem Bett&nbsp; &#8211; falls sie wirklich existiert- \u00fcberhaupt nicht. Das liegt aber vor allem daran, dass dort wo ich sie sehen w\u00fcrde eine Wand ist, mit T\u00fcren und definitiv keine gro\u00dfe Glast\u00fcr nach drau\u00dfen. Ich bin ja auch nicht in der Notaufnahme sondern in der Intensivstation.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag es schon erahnt haben, aber das Meiste davon habe ich wohl getr\u00e4umt, auch wenn es mir zur fraglichen Zeit v\u00f6llig realistisch, logisch und echt vorgekommen ist. Ich kann auch nicht genau sagen, wann diese Dinge genau \u201cstattgefunden\u201d haben. Das ist in dieser Zeit alles ein wenig durcheinander und verschwommen und manche Szene habe ich glaube ich sogar zwei oder dreimal \u201cdurchgespielt\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer mal wieder am Tag bekomme ich ein Mittelchen gegen Pilzerkrankungen in den Mund gespr\u00fcht, dass ich eine Weile im Mund hin und her schubsen soll. Anscheinend habe ich mir w\u00e4hrend der Beatmung erfolgreich einen Pilz eingefangen. Kommt wohl h\u00e4ufiger vor. Ist nicht sooo tragisch, aber muss halt behandelt werden. Die Schwester zeigt mir auch in einem Spiegel, wie das aussieht. Ja holla, meine Zunge tr\u00e4gt heute Pelz. Man lernt nie aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich lecker ist das Zeug ja nun grade nicht, aber es gibt schlimmere Geschm\u00e4cker &#8211; ich denke da noch immer mit Grauen an das Antivirus &#8211; Zeug, dass ich vor dem Koma geschluckt hab, in der Hoffnung, dass es hilft. &#8211;&nbsp; Der Pilz wird mich sicher in den n\u00e4chsten zwei oder drei Wochen noch begleiten. Aber das ist eindeutig das so ziemlich kleinste \u00dcbel. Es tut ja nichtmal weh oder juckt oder so &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann sp\u00e4ter unternimmt die Schwester, einen weiteren Versuch, meinen Kreislauf ein wenig auf Touren zu bringen. Das \u201cWir setzen uns auf\u201d-Spielchen geht in die zweite Runde, mit \u00e4hnlichem Erfolg. Wieder bahnt sich &#8211; diesmal eher gr\u00fcnstichige- Galle ihren Weg aus mir heraus, mit dem Effekt, dass das Bett und seine Benutzerin schon wieder runderneuert werden m\u00fcssen. Ich brauche nicht zu erw\u00e4hnen, wie anstrengend und unangenehm das Ganze ist. Aber das l\u00e4sst sich wohl nicht \u00e4ndern. Der Kreislauf muss ja auch mal wieder in Schwung kommen und nach elf Tagen nur unbewegt Liegen und sich vorher auch nicht viel Bewegen wird es daf\u00fcr nat\u00fcrlich h\u00f6chste Zeit.<br \/>Dennoch bin ich, nachdem ich endlich mit dem dritten frischen Hemdchen wieder im Bett liege, heilfroh, dass ich erst einmal wieder in Ruhe gelassen werde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich spiele ein wenig mit dem Handy herum. Der Welt da drau\u00dfen mitteilen, dass ich wieder da bin, ist dabei mein Hauptziel. Ich lese die ein oder andere der zig Nachrichten und beantworte sie sehr kurz, manchmal nur mit einem Smiley oder Daumen hoch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist anstrengende Schwerstarbeit. Immerhin sind die Felder ja nicht immer da, wo ich sie sehe, auch wenn es mit zunehmender \u00dcbung leichter wird, die Stelle auf dem Display zu treffen, die ich treffen will und dann wiegt das verdammte Ding ja auch noch\u2026.viel zu viel. Mehr als immer wieder mal zwei oder drei Nachrichten schaffe ich nicht. Viel zu anstrengend!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Mutter einer ehemaligen Sch\u00fclerin hatte sich immer wieder nach mir erkundigt, sehe ich in meinen Nachrichten. Sie macht sich wohl mittlerweile auch Sorgen, weil ich so lange nicht geantwortet habe. Deshalb schreibe ich ihr kurz &#8211; eine gef\u00fchlt eeeeeewig lange Nachricht. Es dauert nicht lange, bis eine sichtlich erleichterte Antwort kommt. Sie ist echt froh, dass ich noch lebe und dass es mir besser geht. Ja, da ist sie in guter Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Physiotherapeut kommt ab jetzt t\u00e4glich und macht mit mir \u00dcbungen. Meine Muskulatur will ja wieder angekurbelt werden und auch der Verdauung muss man erst mal wieder einen Tritt versetzen, damit sie wieder anl\u00e4uft. Wobei im Moment den Gro\u00dfteil der \u00dcbungen der Therapeut macht und mir erkl\u00e4rt, was ich tun kann und soll, um meine Muskeln wieder zu aktivieren. Aber F\u00e4uste ballen und F\u00fc\u00dfe bewegen ist ja schon mal ein Anfang. Es mehrfach zu tun, oder die Beine gar zu heben, ist dagegen echt Schwerstarbeit und f\u00fcr mehr als ein paar recht kraftlose Versuche reicht die Energie auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag vergeht St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Die Sauerstoffmaske weicht wieder der Sauerstoffbrille. Das macht das Reden durchaus leichter. Und ich stelle fest, dass der Sauerstoff in der Intensivstation \u201ebesser\u201c ist, als auf Station. Hier blubbert er n\u00e4mlich erstmal durch Wasser, bevor er zur Nase kommt. Das hilft zumindest ein wenig gegen die trockene Nase. F\u00fcr den Rest hilft wohl nur ein wenig Bepanthen, das ich von der Schwester bekomme, als ich wegen der trockenen Nase jammere.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Abend habe ich das erste Mal das Gef\u00fchl, dass ich etwas essen m\u00f6chte. Die Abendessenszeit ist l\u00e4ngst vorbei und nach den beiden nachmitt\u00e4glichen Aktionen in denen ich buchst\u00e4blich Gift und Galle gespuckt habe &#8211; naja eigentlich nur die letztere &#8211; war es mir bisher echt nicht nach Essen zu Mute. Aber jetzt, irgendwie\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der n\u00e4chsten Gelegenheit erw\u00e4hne ich das leichte Hungergef\u00fchl gegen\u00fcber der Schwester, die mich betreut. Als sie meint, dass sie mir nur einen Joghurt anbieten k\u00f6nne, finde ich das ein gutes Angebot. Ich habe zwar ein wenig Bedenken, was mein \u201cverkuddelter\u201d Magen von saurem Joghurt halten wird. Aber immerhin w\u00e4re das etwas essbares.<br \/>Als der Becher mit dem Joghurt bei mir ankommt, stehe ich vor dem Problem, dass ich den ja nun auch irgendwie essen muss. Verdammt, so ein Kaffeel\u00f6ffel ist schon echt schwer. Aber wo ein Wille ist\u2026 gibt es Joghurt. So beginne ich tapfer, meinen Becher, besser gesagt dessen Inhalt, in meinen Mund zu l\u00f6ffeln. Es handelt sich um einen schlichten Naturjoghurt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Erste L\u00f6ffel erreicht den Mund. Kalt und erfrischend breitet sich die wei\u00dfe Masse in meinem Mund aus, schmeckt angenehm sauer nach Joghurt. HEY! ICH SCHMECKE WAS!<br \/>Ich habe in meinem Leben schon viel Naturjoghurt gegessen &#8211; ich mag das Zeug durchaus gerne &#8211; , aber dieser ist einfach der Oberhammer. Gierig l\u00f6ffle ich &#8211; so gut es, kraftlos wie ich bin eben geht &#8211; weiter und schnell ist der Becher geleert. Man war das lecker und so sch\u00f6n kalt und \u00fcberhaupt.<br \/>Zufrieden, ersch\u00f6pft und ein wenig stolz &#8211; immerhin habe ich den ganzen Joghurt alleine ausgel\u00f6ffelt &#8211; stelle ich den Becher und den L\u00f6ffel auf mein Nachtk\u00e4stchen und erhole mich von diesem kulinarischen Ausflug.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Es ist Schlafenszeit und ich w\u00fcrde ja gerne\u2026.aber geht ja nicht. Da ich schon vor meinem Koma nicht so wirklich gut geschlafen habe bitte ich darum, etwas zum Schlafen zu bekommen. Der Pfleger verspricht, beim Arzt deswegen nachzufragen. Irgendwann merke ich, dass es ein wenig \u201cschwurbelig\u201d im Kopf wird, aber wirklich schlafen kann ich dadurch auch nicht. Immer wenn ich die Augen schlie\u00dfe, springt das Bespa\u00dfungsprogramm an und ich schrecke wieder hoch, weil sich alles dreht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vermaledeite Technik! Nachmittags war das ja noch ganz interessant zum Angucken, aber jetzt w\u00fcrde ich WIRKLICH gerne schlafen!<br \/>Ich lasse mir ein Tuch bringen, um es \u00fcber die Augen zu legen. Vielleicht kann ich damit die Bilder abhalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leider bringt das irgendwie gar nichts, au\u00dfer, dass ich das Licht vom Gang nicht mehr so hell sehe. VIER Lagen Frottee-Stoff und dieser High-Tech-Mist kommt noch immer durch. Das kann doch gar nicht sein! Ich bin verzweifelt. Ich will doch nur schlafen. Stunde um Stunde vergeht und ich schaue dem Uhrzeiger immer wieder zu, wie er langsam weiter wandert, sehr langsam. Wahlweise klinke ich mich in das Bespa\u00dfungsprogramm ein. Sch\u00f6ne Bilder, aber das mit den Spielchen im dritten Teilbereich kriege ich irgendwie nicht gebacken. Ich w\u00fcrde ja gerne mal mitspielen, aber leider schaffe ich es nicht, mich richtig in die laufenden Spiele mit einzuklinken. Deshalb kann ich nur zuschauen, bis das Programm wieder zu den Farbwirbeln wechselt.&nbsp;<br \/>Am n\u00e4chsten Morgen fragt mich der Nachtpfleger bei seiner letzten Kontrollrunde, ob ich gut geschlafen habe. Ich jammere ein wenig, dass ich gar nicht geschlafen habe, weil ich von dem Spa\u00dfprogramm ja dauernd seekrank werde. Er fragt, was ich denn f\u00fcr ein Spa\u00dfprogramm meine und ich erz\u00e4hle von den Farbwirbeln und den Bildern. Ein wenig irritiert wirkt er, dann meint er, dass ich Morphine bekommen h\u00e4tte und demnach s\u00fc\u00df und selig geschlummert haben m\u00fcsse. Na da hab ich die Nacht aber anders erlebt. Beim rausgehen raunt er seiner Kollegin zu \u201cKeine Ahnung, wovon sie da erz\u00e4hlt, aber klingt spannend.\u201d<br \/>Ich wei\u00df nicht so Recht, was er meint. Er muss doch wissen, was hier installiert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer Weile kommt wieder eine Schwester herein.. 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