{"id":148,"date":"2022-11-09T00:10:00","date_gmt":"2022-11-08T23:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=148"},"modified":"2023-02-05T00:12:18","modified_gmt":"2023-02-04T23:12:18","slug":"11-umzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=148","title":{"rendered":"11. Umzug"},"content":{"rendered":"\n<p>Am vierten Tag nach dem Koma ist alles ein wenig anders. W\u00e4hrend ich bisher immer komplett gewaschen wurde, stellt mir die Schwester, die mich heute betreut, einfach nur eine Waschsch\u00fcssel und meine Waschsachen hin. Ich schaue ein wenig irritiert und meine, dass ich ja bis gestern noch komplett gewaschen worden w\u00e4re. Die Schwester meint, dass sie das ja nicht gewusst h\u00e4tte und ich es halt einfach mal selbst probieren solle. Na bravo! Da sitze ich also schlapp auf meiner Bettkante, mit dem Waschlappen in der Waschsch\u00fcssel vor mir, einem gef\u00fcllten Zahnputzbecher und meiner Zahnb\u00fcrste daneben und soll alles selber machen. Ich bin ja heilfroh, dass ich eine elektrische Zahnb\u00fcrste habe. Denn allein das \u201cHand mit der B\u00fcrste hoch halten\u201d war die letzten Tage schon schwer genug und ist auch heute nicht wesentlich leichter. Mit einer Zahnb\u00fcrste auch noch schrubbeln m\u00fcssen, das w\u00e4re echt zu viel des Guten. M\u00fcde und kraftlos dr\u00fccke ich den Waschlappen aus und wische mir relativ lustlos \u00fcbers Gesicht. Die hat echt Nerven! Waschen wird sowieso \u00fcberbewertet, finde ich. Au\u00dferdem ist das viel zu anstrengend. Ein wenig hier und da entlang gewischelt, dann hilft die Schwester doch noch ein wenig &#8211; vor allem am R\u00fccken. Da k\u00e4me ich sowieso nicht hin. Ich kann ja die Arme kaum heben, so schwer, wie sie gerade sind und nach hinten verrenken finden auch die schmerzenden Schultern nicht unbedingt lustig. Die Schultern sind n\u00e4mlich wirklich seit dem Aufwachen das einzige, was mir weh tut. Das kommt wohl vom vielen auf dem Bauch Liegen w\u00e4hrend der Beatmung, sagt man mir.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann bin ich mehr oder weniger gewaschen und lege mich wieder hin. Die Wascherei war echt anstrengend, viiiiiiiiiel anstrengender, als gewaschen zu werden und das war schon schlimm. Ich brauche erstmal wieder eine Pause.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Vormittags erfahre ich, dass ich heute voraussichtlich auf Station kommen werde. Vorher muss aber einiges erledigt werden. Vor allem geht es der Verkabelung an den Kragen. Neben dem EKG, was ja recht leicht zu entfernen ist &#8211; Plopp und weg &#8211; werden der Venenzugang am Hals und der Arterienkatheter links in der Leiste entfernt. Am Hals geht das noch relativ unspektakul\u00e4r, auch wenn das Pflaster entfernen des mehrere Tage bereits haftenden und eingeschwitzen Pflasters echt kein Spa\u00df ist. Ich meine, ja klar, so ein Pflaster soll gut halten, so lange es gebraucht wird. Aber das hei\u00dft doch nicht, dass es sich deswegen beim Abziehen so anf\u00fchlen muss, als w\u00fcrde jemand die Haut drunter auch gleich mit weg rupfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was tut man nicht alles auf dem Weg Richtung Gesundheit? Es ist wie so vieles in den letzten Tagen eben ein notwendiges \u00dcbel, also Augen zu, Kr\u00f6nchen richten und durch\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Noch spannender ist die Entfernung des Arterienkatheters. So eine Arterie neigt ja dazu, im h\u00fcbsch regelm\u00e4\u00dfigen Herzschlag Tempo vor sich hin zu sprudeln, wenn mal ein Loch drin ist, das nicht abgedeckt wird. So dauert es nach dem Ziehen der Zugangskan\u00fcle nicht lange, bis ich anfange auszulaufen. Nat\u00fcrlich hat die Schwester gleich das n\u00f6tige Material parat, um Druck auf die Wunde auszu\u00fcben, damit die Sauerei irgendwann nachl\u00e4sst. Allerdings bin ich dank Corona ja grade auch gut mit Heparin, also mit Blutverd\u00fcnner, gedoped. Diese Tatsache tr\u00e4gt jetzt nicht unbedingt dazu bei, dass die Wunde sich schneller schlie\u00dft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So dauert es wirklich eine gef\u00fchlte Ewigkeit &#8211; und ich habe ein wenig den Eindruck, dass die Schwester auch langsam ins Schwitzen kommt &#8211; bis ich endlich aufh\u00f6re, akut auszulaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sch\u00f6ne Sauerei, die wir da in meinem Bett verursacht haben. Zum Gl\u00fcck muss ich das nicht sauber machen. Aber das ganze, mit auf die Wunde dr\u00fccken und mithelfen, so weit es eben geht, war doch recht anstrengend. Als ich endlich halbwegs sauber und verpflastert da liege, reicht es mir eigentlich und ich h\u00e4tte am liebsten meine Ruhe. Leider kommt dann noch eine Schwester und verpasst mir zur Sicherheit einen neuen Zugang auf dem rechten Handr\u00fccken. Ist wohl nur eine Vorsichtsma\u00dfnahme, falls doch noch irgendwas sein sollte. Allerdings dr\u00fcckt das doofe Ding bei vielen Bewegungen der Hand und beim Tippen auf dem Handy ist es auch nicht unbedingt angenehm. Also ist das alles andere als sch\u00f6n. Aber das mit dem Thema \u201cangenehm und sch\u00f6n\u201d hatten wir ja bereits mehrfach. Ich will doch eigentlich nur meine Ruhe\u2026 und vielleicht noch ein wenig Tee. Es ist halt doch ein Krankenaus und kein Wellnesshotel\u2026 Die Erkenntnis, dass eben jener nervige Zugang dann wenig sp\u00e4ter, kurz vor dem tats\u00e4chlichen Umzug, gleich wieder entfernt wird, ist zwar erfreulich, aber irgendwie h\u00e4tte man sich &#8211; und mir &#8211; das dann echt ersparen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So geht der Vormittag ins Land und noch vor dem Mittagessen werden meine Sachen und ich zusammengepackt und der Umzug auf die Normalstation beginnt. Das schicke OP-Hemdchen, dass die letzten Tage mein Standardoutfit war, weicht jetzt einer Unterhose &#8211; die ich meiner Meinung nach gerade gar nicht br\u00e4uchte, weils einfach nur ein v\u00f6llig unn\u00f6tiger Bewegungsschritt mehr ist, wenn ich mal muss &#8211; und einem meiner Jogginganz\u00fcge.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man glaubt gar nicht, wie praktisch so ein Hemdchen ist und wie unpraktisch so ein Jogginganzug\u2026.. Oberteil mit Kopf und \u00c4rmeln, \u00fcberall die richtigen L\u00f6cher treffen und die Arme auch noch durchstrecken und dann noch beide Beine in die Hose und das Ding hochziehen. Es ist einfach elendig anstrengend und ich bin heilfroh, als ich endlich wieder normal liege. Au\u00dferdem ist mir sowieso den ganzen Tag warm. Das Fieber ist zwar besser, aber noch nicht ganz weg. Das einzige was die letzten Tage permanent kalt war, waren meine F\u00fc\u00dfe und ich bin heilfroh, dass ich beim Packen meiner Tasche auch an Wollsocken gedacht habe, denn sie sind das einzige, was die F\u00fc\u00dfe die ganze Zeit \u00fcber wenigstens halbwegs warm gehalten hat. Jetzt bin ich also mehr oder weniger bereit f\u00fcr meinen Umzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber am liebsten w\u00fcrde ich einfach meine Ruhe haben und schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Na das kann ja was werden auf Station. So richtig vorstellen kann ich mir das gerade noch nicht. Ich meine, klar bekomme ich auch auf Station alles geliefert, was ich so brauche &#8211; was gerade eh nicht allzu viel ist. Herumlaufen darf man au\u00dferhalb der Zimmer wegen Corona sowieso nicht &#8211; nicht dass ich derzeit weit kommen w\u00fcrde &#8211; aber das Pflegepersonal auf Station hat ja viel mehr Patienten gleichzeitig zu versorgen als das auf der Intensivstation. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass es l\u00e4nger dauert, bis jemand kommt, wenn man klingelt. Aber ich werde schon klar kommen. Immerhin habe ich ja eh keine Wahl.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann ist es dann so weit. Es geht also im rollenden Bett raus aus der Intensivstation und dann mit dem Aufzug in die passende Etage.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde in mein neues Zimmer geschoben und stelle fest, dass ich nur ein Zimmer weiter gelandet bin, als vor dem Umzug auf die Intensivstation und jetzt den gleichen Ausblick, nur aus der anderen Richtung, habe. Meine Sachen werden verstaut, ich werde am zimmereigenen Sauerstoff angest\u00f6pselt und stelle wenig sp\u00e4ter fest, dass der Sauerstoff auf der Intensivstation wirklich besser ist&#8230; also zumindest die Feuchtigkeit. Meine Nase ist sowieso schon seit Tagen trocken und lebt nur von Bepanthen und die merkt den Unterschied sofort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier bin ich nun also, im neuen Zimmer, im alten Bett\u2026 und mit den aktuellen Problemen. Nachdem alles soweit verstaut ist, wie es sein soll, werde ich endlich in Ruhe gelassen und kann mich von den Umzugstrapazen erholen. Jedoch w\u00e4hrt die Ruhe nicht allzu lange, denn wenig sp\u00e4ter kommt bereits mein Physiotherapeut und macht wieder ein paar \u00dcbungen mit mir. Ich muss sicher nicht erw\u00e4hnen, wie verdammt anstrengend das wieder ist. Das einzige was ich da echt gut finde, ist diese R\u00fcttelplatte, mit der er meinen R\u00fccken abvibriert, um den Schleim zu lockern. Das tut echt gut. Auch die Massage am Bauch, um meiner Verdauung, die mittlerweile wieder angelaufen ist, weiter auf die Spr\u00fcnge zu helfen ist nicht unangenehm. Wenigstens muss ich mich dabei nicht selber bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Noch w\u00e4hrend er da ist, kommt bereits das Mittagessen. Heute gibt es Cannelloni. Ich setze mich mit Hilfe des Pflegepersonals an den Tisch. Was f\u00fcr eine Weltreise!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sitze ich also am Tisch und werde mit meinem Essen alleine gelassen. Es riecht lecker, aber Hunger habe ich eigentlich keinen. Ich stochere ein wenig im Salat und esse zwei oder drei Bl\u00e4tter vom frischen Gr\u00fcn, ein L\u00f6ffelchen Suppe, eine halbe Canneloni, ein L\u00f6ffel Nachtisch\u2026.. Das reicht! Mehr passt nicht rein. Echt schade drum. Aber der Magen sagt, dass er voll ist und der Rest vom K\u00f6rper ist der Meinung, dass es wirklich h\u00f6chste Zeit ist, zur\u00fcck ins Bett zu krabbeln. Ich kann nicht mehr. Essen, sitzen\u2026 alles, einfach alles ist anstrengend. All die Dinge, die vor wenigen Wochen noch v\u00f6llig normal und absolut nicht anstrengend waren, sind noch immer so unendlich anstrengend. Daran hat sich bisher nichts ge\u00e4ndert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich um einiges kr\u00e4ftiger bin, als noch vor 3 Tagen, ist da nach oben noch verdammt viel Luft.<br>Ich hangle mich vom Tisch zum Bett und so schnell es in meinem derzeitigen Schneckentempo geht, liege ich wieder und bin fix und fertig. Irgendwann im Lauf des Nachmittags kommt einer der Pfleger zu mir, um nach mir zu sehen. Auch hier werden nat\u00fcrlich Blutdruck, Puls und Temperatur gemessen. Der Pfleger ist einer von den etwas \u00e4lteren und plaudert munter mit mir, w\u00e4hrend er meine Werte nimmt. Er kontrolliert auch meine beiden Pflaster. Der Hals ist brav, da suppt nichts, aber die Arterie ist wohl noch nicht ganz wieder dicht. Offensichtlich habe ich da noch ein bisserl was vollgeblutet. Er hilft mir, das ganze zu bereinigen &#8211; also eigentlich macht er das alleine &#8211; und am Ende liege ich frisch verpflastert mit frischer Unterw\u00e4sche wieder im Bett.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pfleger ist echt nett und wir plaudern ein wenig \u00fcber dies und das, dann erhole ich mich wieder von den Strapazen der vergangenen Stunden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich berichte den verschiedensten Leuten &#8211; angefangen bei Familie und Freunden -, dass ich jetzt wieder \u201cauf Station\u201d bin. Der Fernseher sorgt w\u00e4hrenddessen f\u00fcr \u201cGesellschaft\u201d.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch telefoniere ich. Wenn ich genau \u00fcberlege, telefoniere ich eigentlich die meiste Zeit. Der eine legt auf, der n\u00e4chste bekommt einen Anruf\u2026 Wie gut, dass das Ladekabel in Griffweite liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>So vergeht auch der fr\u00fche Nachmittag und schon bald trudelt das Abendessen ein. Viel zu fr\u00fch f\u00fcr meinen Geschmack. Hunger habe ich sowieso kaum und das Mittagessen ist ja gerade mal ein paar Stunden her. Dementsprechend esse ich nur hier und da einen recht lustlosen bissen. Schade um die Brotzeit, denn das Meiste wandert wieder zur\u00fcck. Mein Magen will einfach nicht mehr.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch beim Abendessen war ich, wie zuletzt bei allen Mahlzeiten, wieder am Tisch gesessen. Ich bin heilfroh, als ich wieder in meinem Bett liege. Auch wenn ich teilweise nicht so recht wei\u00df, wie ich mich legen soll &#8211; mal schl\u00e4ft das Bein ein, mal zwackt die Schulter und wenn ich nach links schaue, fahre ich kostenlos Karussell &#8211; ist es doch im Bett noch am besten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn nur nicht alles so furchtbar anstrengend w\u00e4re!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vierten Tag nach dem Koma ist alles ein wenig anders. W\u00e4hrend ich bisher immer komplett gewaschen wurde, stellt mir die Schwester, die mich heute betreut, einfach nur eine Waschsch\u00fcssel und meine Waschsachen hin. Ich schaue ein wenig irritiert und meine, dass ich ja bis gestern noch komplett gewaschen worden w\u00e4re. Die Schwester meint, dass sie das ja nicht gewusst h\u00e4tte und ich es halt einfach mal selbst probieren solle. Na bravo! Da sitze ich also schlapp auf meiner Bettkante,&#8230;<\/p>\n<p class=\"read-more\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=148\"> Read More<span class=\"screen-reader-text\">  Read More<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,5],"tags":[],"class_list":["post-148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-corona"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=148"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":154,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148\/revisions\/154"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}