{"id":160,"date":"2023-02-24T01:22:53","date_gmt":"2023-02-24T00:22:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=160"},"modified":"2023-02-24T01:22:53","modified_gmt":"2023-02-24T00:22:53","slug":"13-die-strasse-gleitet-fort-und-fort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=160","title":{"rendered":"13. \u201c\u2026 die Stra\u00dfe gleitet fort und fort,\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>\u2026 weg von der T\u00fcr wo sie begann zur Ferne hin zu fremdem Ort, ihr folge denn, wer wandern kann. Und einem neuen Ziel sich weihn.\u201d (aus \u201cDer kleine Hobbit\u201d von JRR Tolkien)<\/p>\n\n\n\n<p>Ja mein Weg, meine &#8222;Stra\u00dfe&#8220; geht also, nach dem Kr\u00e4fte zehrenden Mittagessen und dem nicht minder anstrengenden Weg zur\u00fcck ins Bett, weiter. Nicht sooo weit weg von der T\u00fcr, quasi noch nicht mal vor die T\u00fcr &#8211; ich darf ja eh nicht einfach so aus dem Zimmer raus, selbst wenn ich es k\u00f6nnte. Aber er ist weit, verdammt weit!\u00a0Das Ziel? Wieder fit sein&#8230;irgendwie!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wenig Zeit zum Ausruhen bleibt mir, dann kommt der Pfleger, der mich gestern neu verpflastert hat, um mich zum R\u00f6ntgen zu karren. Vorher geht es aber noch einmal auf die Waage, oder besser den \u201cWaagestuhl\u201d. Immerhin muss ich da nicht stehen, schlie\u00dflich ist sitzen anstrengend genug. Dann ziehe ich um in den Rollstuhl, mit dem der Pfleger mich dann zum R\u00f6ntgen f\u00e4hrt. Dazu muss er mich vom Sauerstoff abst\u00f6pseln. Er meint, dass das f\u00fcr die Zeit, die wir brauchen schon OK sein wird. Falls mir die Luft doch nicht reicht, soll ich halt Bescheid sagen, dann kann er mir immer noch Sauerstoff organisieren. Aber eigentlich sollte es kein Problem sein. Als ich die Sauerstoffbrille abnehme und das fast schon gewohnte Rauschen neben den Ohren weg ist, merke ich sehr deutlich, dass das Atmen schwerer ist, als mit der Sauerstoffunterst\u00fctzung. Aber wir werden ja nicht ewig unterwegs sein und bisher habe ich nicht das Gef\u00fchl zu ersticken. Also wird es schon passen. Ich werde also von meinem Chauffeur im\u201dNobeltaxi\u201d zur Radiologie gefahren. Einmal Lunge r\u00f6ntgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meinen Schmuck habe ich noch nicht wieder angelegt, also muss ich da auch nichts ablegen, aber ich muss stehen &#8211; eine gef\u00fchlte Ewigkeit!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren vermutlich insgesamt keine 2 Minuten, aber meine Knie zittern bereits vor Schw\u00e4che und ich bin heilfroh, als ich wieder im Rollstuhl sitze, was ja immer noch anstrengend genug ist. Der Pfleger fragt, ob wir das Bild sehen k\u00f6nnen, ob ich es \u00fcberhaupt sehen will. Nat\u00fcrlich will ich. Ich bin wohl w\u00e4hrend des Komas auch mal ger\u00f6ntgt worden und davor ja auch schon einmal. Aber diese Bilder habe ich nie zu Gesicht bekommen. Umso neugieriger bin ich nun nat\u00fcrlich. Es dauert nicht lange, bis das Bild entwickelt ist und wir es gemeinsam betrachten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine G\u00fcte!!! Dass diese Lunge NICHT gesund aussieht, sehe sogar ich, als Laie. Der Pfleger nickt aber zufrieden und meint dann, dass es bereits viel besser aussieht, als das letzte Bild, das er von mir gesehen hat. Na dann will ich glaube ich lieber nicht wissen, wie schlecht DAS ausgesehen hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir treten dann die R\u00fcckreise an und der Pfleger steckt mich wieder ins Bett. Wir haben die ganze Zeit geplaudert \u00fcber alles M\u00f6gliche. Er ist echt nett und voll auf Zack, wie ich finde. Ich setze die Sauerstoffbrille wieder auf und atme erst einmal tief durch. Ja, so schnauft es sich schon wirklich leichter. Ich lehne mich ersch\u00f6pft zur\u00fcck. Der Ausflug in die Radiologie war ja wirklich mal eine Abwechslung, aber &#8211; wer h\u00e4tts gedacht &#8211; verdammt anstrengend. Ich brauche echt eine Pause!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile kommt der Pfleger wieder vorbei, um meine Werte zu checken. Dabei meint er dann auch, dass er mit dem Arzt gesprochen hat und vermutet, dass ich den Sauerstoff gar nicht mehr wirklich brauche. Meine Sauerstoffversorgung war w\u00e4hrend des R\u00f6ntgens ja recht stabil. Ich solle doch mal versuchen, ob ich ohne den Schlauch klar komme. Wenn nicht, kann ich ihn ja jederzeit wieder nehmen. Aber je eher ich ohne zus\u00e4tzlichen Sauerstoff klar komme, desto besser ist es nat\u00fcrlich. Er kommt nachher nochmal vorbei, um Sauerstoff zu checken. Wenn es geht soll ich also mal wenigstens eine halbe Stunde oder so abgest\u00f6pselt bleiben, weil er wissen will, ob die Werte stabil bleiben. Also h\u00e4ngen wir den Schlauch seitlich an meinem Bett fest. So ist er griffbereit, wenn mir danach ist und ansonsten st\u00f6rt er nicht.<br>Der sp\u00e4tere Test zeigt, dass meine Lunge wohl recht brav wieder ihren Dienst tut und ich den Sauerstoff wirklich nicht mehr dringend brauche. Meine trockene Nase freut das sehr. Die lebt die letzten Tage n\u00e4mlich quasi von Bepanthen. So bleibt der Sauerstoff zur Sicherheit in Griffweite h\u00e4ngen, ich brauche ihn aber nicht mehr wirklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann im Lauf des Tages kommt eine relativ junge Schwester herein, um nach mir zu sehen. Sie meint, ich sei der Grund, dass sie ihren Beruf gerade weitermachen kann. Endlich jemand, der trotz Corona wieder aus der Intensivstation zur\u00fcckkommt. Sie erz\u00e4hlt, dass ich auf der Station eine kleine Sensation bin, der Silberstreif am Horizont, weil ich den Weg vom Koma zur\u00fcck geschafft habe und das ja sogar noch relativ gut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der n\u00e4chsten Tage erfahre ich durch einen Zeitungsartikel, den ich \u00fcber Whatsapp geschickt bekomme, dass ich in diesem Krankenhaus wohl eine von 2 Patientinnen bin, die bisher nach Corona erfolgreich wieder von der Beatmung entw\u00f6hnt wurden. Das zeigt mir, dass ich mir wohl nicht eingebildet habe, dass ich auf der Intensivstation mitbekommen habe, wie es mit mehreren Patienten zu Ende gegangen ist. Ich hatte da wirklich Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte gar nicht wissen, wie viele Menschen es allein in diesen paar Tagen, die ich dort war, nicht geschafft haben. F\u00fcr das Pflegepersonal muss das echt schlimm sein, wenn die Patienten quasi \u201cunter der Hand\u201d wegsterben und man nichts tun kann, als daneben stehen und hilflos zusehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der \u00c4rzte, der im Laufe der Tage immer wieder vorbeischaut, berichtet auch, dass das mit den Patienten an der Beatmung fast ein Gl\u00fccksspiel ist, bestenfalls mit einer 50:50 Chance\u2026 und teilweise sterben Patienten, die eigentlich so weit stabil waren, dann pl\u00f6tzlich innerhalb einer Stunde und sie stehen daneben und k\u00f6nnen nichts tun, weil einfach nichts hilft.<br>Einmal mehr bin ich froh, dass ich dann wohl bei den richtigen 50% dabei war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist es aber echt schwer, mehr aus den \u00c4rzten herauszubekommen. Wobei das nicht einmal unbedingt deren Schuld ist. Ich habe so viele Fragen, aber wenn dann Visite ist, bin ich irgendwie so aufgeregt und nerv\u00f6s, dass ich alle vergessen habe. Also kommt die Visite kurz, fragt, wie es mir geht und weg sind sie wieder. Ich bleibe zur\u00fcck und meine Fragen, die ich dann ja mal wieder nicht gestellt habe, bleiben unbeantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich telefoniere wieder viel mit quasi allen, die ich irgendwie erreiche, vor allem nat\u00fcrlich mit meinem Mann und meinen Eltern. Am Ende des Tages habe ich insgesamt locker 5 oder 6 Stunden telefoniert und bin echt KO. Das sollte ich morgen vielleicht nicht nochmal machen. Aber immerhin wissen jetzt einige Leute mehr, wie es mir geht und wie es mir ergangen ist. Das spart mir viel Tipperei auf dem Handy und die ist ja immer noch unglaublich anstrengend, weil das bl\u00f6de Ding so verdammt schwer ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich surfe ich auch immer wieder auf Facebook und halte mich, aber auch meine Mitleser auf dem Laufenden. Eine Freundin postet in dieser Zeit einen Spruch, den ich mir als Motto f\u00fcr die kommende Zeit nehme. <strong>\u201cDa musst du jetzt durch! Aber du entscheidest, ob du dabei lachst oder weinst!\u201d <\/strong>Ich habe mich entschieden zu lachen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es geht mir richtig dreckig und ich f\u00fchle mich die ganze Zeit hundsmiserabel, aber hey! Ich lebe noch!!! Wenn das kein Grund ist, zu feiern?! \u00c4hm ja, gut, das mit der Feierei verschieben wir mal auf sp\u00e4ter. Daf\u00fcr habe ich gerade nicht wirklich die Kraft. Die reicht ja bisher noch nicht einmal, um alleine zum Klo zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Zimmer nebenan dringen seit heute immer mal wieder markersch\u00fctternde Schmerzensschreie. Ich wei\u00df nicht, was der Patient da dr\u00fcben hat. Es klingt ein wenig wie Koliken oder so. Denn die Schreie kommen immer mal wieder, in Sch\u00fcben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es echt nicht gut, aber ich bin mir zu 100% sicher, dass ich grade jetzt WIRKLICH NICHT tauschen will! So besch\u2026eiden ich mich f\u00fchle, wenigstens tut mir nichts gro\u00df weh, abgesehen von den Schultern, wenn ich mich drauf legen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir tut mein Kollege da dr\u00fcben echt Leid, aber in der Nacht wird das sicher kein Spa\u00df f\u00fcr mich! &#8211; f\u00fcr ihn vermutlich auch nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag vergeht, der Abend und das Abendessen kommen und irgendwann liege ich im Bett &#8211; gut, das wiederum tue ich ja den ganzen Tag schon- und schaue in die Flimmerkiste, meinen Freund und Gesellschafter. Es kommt zwar nichts Weltbewegendes, aber ein wenig Unterhaltung zum immer mal wieder einschlafen und dann wieder zuschauen berieselt mich. Fernschlafen ist echt toll. Immerhin merke ich da immer wieder, dass ich wohl eingeschlafen bin. Irgendwann beschlie\u00dfe ich dann. \u201cIns Bett zu gehen\u201d, also die Flimmerkiste aus, den Schlafanzug an und Z\u00e4hne geputzt &#8211; nat\u00fcrlich nicht ohne Hilfe, weil der Weg ins Bad ja einer Weltreise gleicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum ist der Fernseher aus, ruft sich das Ticken der vermaledeiten Uhr wieder ins Ged\u00e4chtnis. Och n\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6, muss das sein? Als die Schwester noch einmal reinkommt und nach mir sieht, jammere ich wegen der Uhr. \u201cDie Uhr? Ach, das ist kein Problem!\u201d, ein Griff nach oben und die Uhr ist von der Wand entfernt und liegt im n\u00e4chsten Moment drau\u00dfen auf einem Tischchen. Maaaaaaan, da h\u00e4tt\u2019 ich ja gestern auch mal drauf kommen k\u00f6nnen.<br><br>Stille!!!\u2026 Herrliche untickende Stille! \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich atme erleichtert auf. Dann kann ich ja jetzt ruhig einschlafen. Naja, oder eben auch nicht. Als ich gerade am Wegd\u00f6sen bin, ert\u00f6nt von nebenan wieder einer jener markersch\u00fctternden Schreie. Nein, ich m\u00f6chte definitiv nicht tauschen!!! Ich bin dann also wieder wach. Lustlos zappe ich noch einmal durch die Sender, bleibe bei einem ollen Schwarzwei\u00dffilm h\u00e4ngen und schaue den dann eben noch zu Ende.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schlafe ich irgendwann wirklich ein, bis die morgendliche Kontrolle meiner Werte mich wieder aus dem Land der Tr\u00e4ume rei\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 weg von der T\u00fcr wo sie begann zur Ferne hin zu fremdem Ort, ihr folge denn, wer wandern kann. Und einem neuen Ziel sich weihn.\u201d (aus \u201cDer kleine Hobbit\u201d von JRR Tolkien) Ja mein Weg, meine &#8222;Stra\u00dfe&#8220; geht also, nach dem Kr\u00e4fte zehrenden Mittagessen und dem nicht minder anstrengenden Weg zur\u00fcck ins Bett, weiter. Nicht sooo weit weg von der T\u00fcr, quasi noch nicht mal vor die T\u00fcr &#8211; ich darf ja eh nicht einfach so aus dem Zimmer&#8230;<\/p>\n<p class=\"read-more\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=160\"> Read More<span class=\"screen-reader-text\">  Read More<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,5],"tags":[],"class_list":["post-160","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-corona"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=160"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":163,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/160\/revisions\/163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hafelja.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}