{"id":86,"date":"2022-01-26T01:26:54","date_gmt":"2022-01-26T00:26:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=86"},"modified":"2022-01-26T09:55:39","modified_gmt":"2022-01-26T08:55:39","slug":"3-die-ersten-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hafelja.de\/?p=86","title":{"rendered":"3. Die ersten Tage\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Fr\u00fch morgens kommt das Pflegepersonal und kontrolliert Blutdruck, Sauerstoffs\u00e4ttigung und Temperatur. Viel geschlafen habe ich nicht. Der Husten ist nervig, mein Puls rast und l\u00e4sst mich nicht zur Ruhe kommen. Au\u00dferdem wird man im Krankenhaus eindeutig zu fr\u00fch geweckt. Irgendwann kommt das Fr\u00fchst\u00fcck. Dazu verlasse ich kurz mein Bett. Danach lege ich mich wieder hin. Mein Zustand ist nicht viel anders. Der Husten wird schlimmer, ich f\u00fchle mich elend und der Tag pl\u00e4tschert so dahin\u2026 Ein wenig Fernsehen, ein wenig mit dem Handy herum spielen, den Leuten Bescheid sagen, dass ich im Krankenhaus bin, Telefonieren mit der Familie\u2026 Mittagessen und gef\u00fchlt kurz darauf schon Abendessen, aber Hunger habe ich eh nicht wirklich. Dazwischen immer wieder Werte Kontrollieren durchs Pflegepersonal.<br>Alle laufen total vermummt herum. Man erkennt kaum, wer unter der Maske, dem Gesichtsvisier und den verschiedenen Lagen Kittel steckt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Nach zwei Tagen ist das Testergebnis da: Corona positiv!<br \/>Wer h\u00e4tts gedacht? Aber war ja irgendwie klar, bei den Bilderbuch-Symptomen. An der Lage \u00e4ndert es aber auch nicht viel. Ich f\u00fchle mich bescheiden, d\u00fcmple so vor mich hin im Krankenhausalltag.<br \/><br \/>So folgt ein Tag auf den anderen. Bei der Visite erfahre ich auch nicht viel neues. Ich f\u00fchle mich elend, huste mir die Seele aus dem Leib und trinke Wasser und Tee. Etwas anderes gibts ja nicht, abgesehen von Kaffee zum Fr\u00fchst\u00fcck. Den habe ich allerdings schon nach dem ersten Fr\u00fchst\u00fcck in Tee umbestellt. Ich stelle ja keine Riesenanforderungen an Kaffee, aber da k\u00f6nnt ich auch gleich das Sp\u00fclwasser trinken, sagen jedenfalls meine corona geplagten Geschmacksknospen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Liebe Freundin bietet an, mir einige Dinge zu besorgen und im Krankenhaus vorbei zu bringen. So erreicht mich nach den ersten, etwas eint\u00f6nigen Tagen ein Care-Paket mit frischem Obst, S\u00e4ften, Halsbonbons und Salbeitee, au\u00dferdem als \u00dcberraschung noch Schokolade und ein kleiner Deko- Osterhase. Bis Ostern ist es schlie\u00dflich nicht mehr lange. Ich freue mich riesig. Da geht es einem doch gleich ein St\u00fcck besser. Es ist sch\u00f6n, wenn man Freunde hat, die f\u00fcr einen da sind &#8211; selbst, wenn sie gar nicht richtig da sein d\u00fcrfen. Ich lasse mir Heidelbeeren und Himbeeren schmecken. Ein Gedicht! Der Silberstreif am Horizont\u2026 ein wenig Luxus im Quarant\u00e4neexil. Ich genie\u00dfe und danke meinem Helferengelchen.<br \/><br \/>Dass nachmittags irgendwann die Himbeeren unsanft auf dem Boden landen, weil ich das Sch\u00e4lchen aus Versehen vom Schr\u00e4nkchen schubse ist echt doof. Immerhin bedeutet es, dass ich aufstehen muss, um meine leckeren Sch\u00e4tze in Sicherheit zu bringen. Aber was tut man nicht alles f\u00fcr frische Beeren. Als vermeintlich alle Beeren wieder vom Boden aufgesammelt sind, lege ich mich zur\u00fcck ins Bett. Das war echt anstrengend. Ich brauche eine Pause.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann klingelt die Blase, soll ja vorkommen, wenn man viel trinkt und dazu noch Infusionen bekommt. Ich stehe also auf, stecke die F\u00fc\u00dfe in die Hausschuhe und schlappe los. Im n\u00e4chsten Moment stelle ich fest, dass mein rechter Fu\u00df nass wird und es verd\u00e4chtig nach Himbeere riecht. Auf dem Klo sitzend begutachte ich das Elend. Die letzte noch lebende Himbeere &#8211; alle anderen hatte ich ja bereits gegessen &#8211; hat sich in meinem Schuh versteckt und ist jetzt Matsch. Irgendwie ist mir fast nach Heulen zu Mute. Ich merke, wie die Augen bereits feucht werden. So banal die Sache klingt, in diesem Moment ist es ein gef\u00fchltes Drama. Die Himbeeren waren so lecker und die eine h\u00e4tt ich gerne auch noch gegessen, dazu noch die Sauerei, die sich jetzt im Schuh befindet und weggeputzt werden will. Das bedeutet, dass ich noch l\u00e4nger im Bad bleiben muss, um den Schuh und die Socke sauber zu machen, was mir in meinem elenden Zustand ja noch mehr von der nicht vorhandenen Kraft kostet. Das h\u00e4tte es gerade echt nicht gebraucht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es hilft nichts. Die Himbeere, oder was davon noch \u00fcbrig ist, muss aus dem Schuh raus und essen will ich sie so nat\u00fcrlich auch nicht mehr. Schade drum. Aber da kann man nichts machen.<br \/><\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend geht weiter, \u00e4hnlich wie die anderen vor ihm. Ich trinke Saftschorle. Zumindest das ist eine hoch willkommene Abwechslung zu Tee mit Wasser und Wasser mit Tee. Zu Aktivit\u00e4ten wie H\u00e4keln oder Lesen habe ich nicht so recht Lust. Das ist alles zu anstrengend. Der Kopf ist zu matschig vom Fieber und die Lungen tun sowieso weh. Mittlerweile wei\u00df ich nicht mehr so recht, was schlimmer ist, der Husten, oder der Muskelkater davon. Egal wie&#8230;es tut \u00fcbelst weh. Aber wird schon wieder werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So l\u00e4uft halt der Fernseher nebenher als Gesellschafter und Berieselung. Hier und da h\u00f6re ich durchs offene Fenster ein Pferd wiehern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit \u00fcber die Wiese galoppieren w\u00e4re jetzt auch deutlich sch\u00f6ner, als hier zu liegen. Das geht gerade aber nur in meinen Gedanken und nicht einmal da kann ich mich so richtig darauf konzentrieren. Meditieren und Fantasiereisen sind eine Frage der \u00dcbung, hei\u00dft es. Da muss ich wohl noch kr\u00e4ftig \u00fcben, aber so lange will ich eigentlich gar nicht mehr hier sein.<br \/>Nachts kann ich nicht schlafen. Mein Puls rast. Wie soll man da zur Ruhe kommen? Selbst mit Schlaftablette wird es nicht wesentlich besser. Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich genau so gut Smarties h\u00e4tte essen k\u00f6nnen. Die w\u00e4ren wenigstens bunt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fieber will auch nicht sinken und h\u00e4lt sich trotz Paracetamol hartn\u00e4ckig. Nach den ersten Tagen steigen sie mit der Infusion auf Novalgin um, aber das Fieber bleibt, oder besser gesagt, es steigt wieder, sobald die Fiebersenker in der Wirkung nachlassen.<br \/>Das Atmen f\u00e4llt mir nach den ersten Tagen nicht mehr so leicht. Ich habe zwar keine Atemnot, aber es atmet sich nunmal nicht so gut, wenn alles weh tut. Dass auch sonst in der Lunge nicht alles im Gr\u00fcnen Bereich ist, merke ich bei jedem Atemzug. Das R\u00f6ntgenbild, das von meiner Lunge angefertigt wird zeigt wohl ebenfalls wenig erfreuliches. Ich selber sehe es zwar nicht, aber die besorgten Blicke der \u00c4rzte bei der Visite reichen, um zu wissen, dass auch sie mit der Situation ihrer Patientin nicht gerade gl\u00fccklich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde an den Sauerstoff angeschlossen und bekomme eine Sauerstoffbrille. Warum das Ding Brille hei\u00dft, ist mir zwar nicht so ganz klar &#8211; vielleicht, weil es unter der Nase liegt, wie die Brille es oben dr\u00fcber tut &#8211; aber der Name ist ja egal. Sie soll mir beim Atmen helfen und daf\u00fcr sorgen, dass mehr Sauerstoff im Blut ankommt. Aber so richtig schafft die Sauerstoffbrille das leider nicht. Die Sauerstoffs\u00e4ttigung sinkt, w\u00e4hrend der Puls hoch bleibt. Anders herum w\u00e4re es mir definitiv lieber. Die Luft, die durch das R\u00f6hrchen in die Nase str\u00f6mt, ist etwas trocken, was sich nach und nach auch auf das Innenleben meiner Nase auswirkt. Das macht es nicht angenehmer. Aber wenigstens atmet es sich ein wenig leichter. Man ist ja auch mit kleinen Verbesserungen zufrieden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So begleitet mich nun das leise Rauschen des Sauerstoffs in meinem Schlauch. Anfangs etwas ungewohnt, aber man gew\u00f6hnt sich ja an vieles.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tagesablauf im Krankenhaus ist mehr oder weniger immer der Gleiche. Dabei stelle ich t\u00e4glich fest, dass mein Biorhythmus so gar nicht zu den Krankenhauszeiten passt. Sp\u00e4t Nachts, meistens dann, wenn ich grade am Einschlafen bin, kommt die Nachtschicht zur Kontrolle der Werte und schaut, ob alles passt. Da ist nicht schwer zu erraten, wer danach wieder hellwach ist und NICHT schlafen kann.<br \/>Fr\u00fch morgens, wenn ich endlich mal eingeschlafen bin, macht die Nachtschicht ihre letzte Kontrollrunde, bevor die Fr\u00fchschicht \u00fcbernimmt. Wenn dir jemand am Arm Blutdruck misst, das Pulsoximeter an den Finger und ein Fieberthermometer ins Ohr steckt ist mit Weiterschlafen auch nicht mehr viel zu wollen. Meine N\u00e4chte sind also &#8211; zumindest was den Schlaf betrifft &#8211; eher kurz, auch wenn sie sich gerade deswegen sehr lang anf\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tags\u00fcber wird man auch immer wieder gest\u00f6rt &#8211; meistens genau dann, wenn man gerade eingeschlafen ist. Nat\u00fcrlich macht das Pflegepersonal auch nur seinen Job und soweit ich das beurteilen kann, machen sie das auch gut. Aber l\u00e4stig ist es halt schon, wenn man immer wieder genau dann aufgescheucht wird, wenn man endlich zur Ruhe gefunden h\u00e4tte. Andererseits ist es ja auch gut, dass gelegentlich jemand nachschaut, ob noch alles in Ordnung ist.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Immer mal wieder wird in dieser Zeit Blut abgenommen und kontrolliert und am Ohrl\u00e4ppchen die Blutgaswerte kontrolliert. Blutabnehmen an sich ist ja schon eher l\u00e4stig, aber das Blut am Ohrl\u00e4ppchen abzapfen f\u00fcr die Blutgaswerte ist noch mieser. Das Ohrl\u00e4ppchen wird mit einer Salbe eingerieben, die die Durchblutung f\u00f6rdert. Schlie\u00dflich braucht man ja genug Blut, um das kleine Kapillarr\u00f6hrchen zu f\u00fcllen. Klingt alles nicht so schlimm, aber die Salbe sorgt daf\u00fcr, dass das Ohr hei\u00df wird. SEHR hei\u00df! Ich liege also jedes mal da, und warte darauf, dass das Zeug lange genug gewirkt hat und jemand zum Pieksen kommt, damit danach die Salbe endlich wieder abgewischt werden und das Ohrl\u00e4ppchen sich beruhigen kann. Blutgase messen ist sicher notwendig, aber sch\u00f6n, ist es &#8211; wie so vieles im Krankenhaus &#8211; leider auch nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens und Abends gibt es jeden Tag Gepiekse: Thrombosespritzen &#8211; da sind blaue Flecken vorprogrammiert. Aber hilft ja nichts, was sein muss, muss sein. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass die Spritzen nicht nur wegen dem vielen Liegen n\u00f6tig sind, sondern auch deshalb, weil das Virus gerne daf\u00fcr sorgt, dass das Blut klumpt. Ich gebe zu, bevor ich eine Thrombose oder eine Embolie habe, bekomme ich lieber zweimal t\u00e4glich die Spritzen. Aber auch die \u00e4ndern nichts daran, dass es mir nicht besser geht. Ich f\u00fchle mich eher jeden Tag ein St\u00fcck schw\u00e4cher.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>Nach ca. einer Woche beschlie\u00dfen die \u00c4rtze, mich auf die Intensivstation zu verlegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fch morgens kommt das Pflegepersonal und kontrolliert Blutdruck, Sauerstoffs\u00e4ttigung und Temperatur. Viel geschlafen habe ich nicht. Der Husten ist nervig, mein Puls rast und l\u00e4sst mich nicht zur Ruhe kommen. Au\u00dferdem wird man im Krankenhaus eindeutig zu fr\u00fch geweckt. Irgendwann kommt das Fr\u00fchst\u00fcck. Dazu verlasse ich kurz mein Bett. Danach lege ich mich wieder hin. Mein Zustand ist nicht viel anders. 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